Ein Jahr Eräkeskus – von Plänen und dem, was wirklich passiert
Am 1. Oktober 2025 haben wir Eräkeskus übernommen.
Das heißt: Heute ist tatsächlich schon ein Jahr vergangen.
Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Einerseits fühlt es sich an, als hätten wir gerade erst angefangen, andererseits ungefähr so, als würden wir das hier schon seit zehn Jahren machen.
An diese ersten Tage erinnere ich mich jedenfalls noch ziemlich gut.
Am 30. September hatten wir unsere Sachen nach Eräkeskus gebracht. Schließlich wollten wir am nächsten Morgen direkt loslegen.
Und das haben wir auch.
Nur etwas anders als gedacht.
Wir haben geputzt.
Und geputzt.
Und noch ein bisschen mehr geputzt.
Gefühlt haben wir die komplette erste Zeit nur geputzt.
So hatten wir uns den Start vielleicht nicht ganz vorgestellt. 😅
Der Start war … sagen wir mal holprig
Schon in der ersten Woche kam der nächste kleine Schock.
Einer unserer Mitarbeiter beschloss innerhalb von ungefähr zehn Minuten, seine Sachen zu packen und abzureisen.
An Tag 3 …
Da standen wir dann.
Gerade erst übernommen, sowieso ungefähr eine Million Dinge im Kopf und plötzlich ein Mitarbeiter weniger.
Damals war das ein ziemlicher Schlag. Was wir zu diesem Zeitpunkt zum Glück noch nicht wussten: Wenig später würden wir ein wirklich tolles Herbst- und Winterteam haben.
Und dann ging endlich das Herbsttraining los.
Wir waren zu viert. Viele der Hunde hatten wir im Training noch nie gesehen und so durften wir die eine oder andere Überraschung erleben.
Aber darauf hatten wir uns schon lange gefreut und wenn ich heute daran zurückdenke, erinnere ich mich vor allem daran, wie unglaublich viel wir gelacht haben.
Natürlich gab es auch genügend Situationen, in denen nicht alles ganz nach Plan lief.
Einmal waren wir mit zwei großen Hundeteams ungefähr 15 Kilometer von Eräkeskus entfernt unterwegs, als zwei Holzlaster die komplette Straße blockierten.
Für ungefähr 40 Minuten.
Mit dem Auto wäre das relativ egal gewesen.
Mit zwei großen Hundeteams, die gerne weiter möchten, ist es etwas interessanter. Es gab keine Umkehrmöglichkeit – diese hätte einen viel, viel, viel zu langen Umweg bedeutet.
Also haben wir gewartet.
Was übrigens ein ziemlich gutes Training für die Hunde war.
Und irgendwann ging es weiter.
Das könnte eigentlich das Motto unseres ersten Jahres sein:
Irgendwie geht es immer weiter.
Und plötzlich war Winter
Unsere erste Wintersaison war wahnsinnig viel Arbeit.
Das wusste ich vorher natürlich. Ich habe schon lange genug mit Schlittenhunden und im Tourismus gearbeitet, um zu wissen, dass Winter nicht bedeutet, morgens zwei Stunden mit ein paar Huskys durch den Schnee zu fahren und danach gemütlich einen Kaffee zu trinken.
Antti hatte zwar noch nie eine Saison in so einem Betrieb gemacht, hat diese aber bravourös gemeistert.
Trotzdem ist es etwas anderes, wenn plötzlich alles bei einem selbst landet.
Die Hunde. Das Training. Die Touren. Gäste. Mitarbeiter. Gästehaus. Essen. Buchungen. Einkaufen. Autos. Maschinen. Rechnungen. Bürokratie – jede Menge Bürokratie.
Und ungefähr 400 andere Sachen, von denen man vorher nicht wusste, dass irgendjemand dafür verantwortlich sein muss.
Jetzt sind wir es.
Super.
Aber wenn ich heute an unseren ersten Winter zurückdenke, denke ich nicht zuerst an die Arbeit.
Ich denke an unsere Gäste.
Wir hatten so viele unglaublich tolle Menschen hier. Wir haben zusammen gegessen, geredet, gelacht und teilweise bis spät abends zusammengesessen.
Manche Menschen kommen für eine Woche als Gäste nach Eräkeskus und beim Abschied fühlt es sich an, als würde man sich schon viel länger kennen.
Und manchmal ist auch die ein oder andere Träne geflossen.
Das ist definitiv eine der Sachen, die wir an diesem Leben lieben.
Und apropos Abschiede – die sind ja niemals leicht.
Auch aus unserem Team sind tiefe Freundschaften entstanden und die Abschiede waren immer schwer. Umso mehr freut es uns, dass viele aus dem Winterteam bereits ein weiteres Mal in Eräkeskus waren.
Und so wie es aussieht, auch nicht zum letzten Mal.
Ohne die richtigen Menschen funktioniert es nicht
Das vergangene Jahr hat uns aber auch gezeigt, wie abhängig so ein Betrieb von den Menschen ist, die mit einem arbeiten.
Vor allem im Sommer waren wir meistens nur zu dritt. Eine ganze Weile waren Antti und ich auch komplett alleine hier.
Und natürlich gab es Enttäuschungen.
Wenn jemand fest zusagt und dann sehr kurzfristig wieder abspringt, ist das hier nicht einfach nur ein bisschen blöd für den Dienstplan.
Die Hunde sind trotzdem da.
Sie müssen trotzdem gefüttert und versorgt werden. Gäste müssen trotzdem betreut werden. Die Arbeit verschwindet nicht, nur weil plötzlich jemand fehlt.
Das ist ein Thema, über das ich irgendwann noch einmal extra schreiben möchte.
Gleichzeitig haben wir nämlich auch genau das Gegenteil erlebt.
Menschen, die einfach helfen.
Menschen, die mitdenken und mit anpacken.
Menschen, auf die man sich verlassen kann.
Und ein Team, mit dem Arbeit nicht einfach nur Arbeit ist.
Uns ist wichtig, dass wir hier nicht einfach nebeneinander arbeiten und danach jeder in seinem Zimmer verschwindet.
Wir essen fast täglich gemeinsam. Egal, ob Gäste hier sind oder nicht. Wir kochen, grillen, quatschen, lachen und trinken auch mal ein Bier zusammen.
Natürlich geht man sich gegenseitig auch mal auf die Nerven.
Wir leben UND arbeiten zusammen.
Alles andere wäre wahrscheinlich etwas seltsam.
Aber genau dieses Miteinander möchten wir hier haben.
Und auch von ganz anderer Seite haben wir in diesem ersten Jahr unglaublich viel Unterstützung bekommen.
Immer wieder kamen wichtige Informationen von Menschen, von denen wir es gar nicht erwartet hätten. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch allen danken, die uns während und kurz nach der Übernahme mit hilfreichen Infos versorgt haben oder sogar vor Ort waren, um uns zu unterstützen.
Und dann kamen 16 Welpen
Weil unser erstes Jahr offenbar noch nicht abwechslungsreich genug war, hatten wir im Sommer auch noch zwei Würfe.
Je acht Welpen.
SECHZEHN.
Zum Vergleich: Im Jahr davor waren es bei ebenfalls zwei Würfen insgesamt acht.
Wir haben unglaublich viel Zeit mit den Kleinen verbracht und es ist ein Privileg, ihnen beim Wachsen zusehen zu können.
16 Welpen bedeuten natürlich auch 16 kleine Mäuler, die der Meinung sind, dass grundsätzlich erst einmal alles essbar ist. Und wenn es nicht essbar ist, kann man zumindest ausprobieren, ob man es anknabbern kann.
Es war anstrengend und wunderschön – und definitiv nie langweilig.
Aber ganz ehrlich: 16 Welpen passen nicht in ein paar Absätze.
Die kleinen Monster bekommen ihren eigenen Blogbeitrag.
Nicht alles in diesem Jahr war schön
Das gehört genauso dazu.
So toll es ist, mit Hunden zu arbeiten, so sehr kann man auch mit ihnen leiden.
Polo hat sich das Kreuzband gerissen.
Es folgten Operation, Reha, Kontrolltermine und mittlerweile insgesamt knapp 5.000 Euro Tierarztkosten.
Acht Wochen Intensivbetreuung später waren bei seiner letzten Untersuchung und beim Kontrollröntgen in der Klinik zum Glück alle Ergebnisse gut. Ganz fertig sind wir trotzdem noch nicht – wir arbeiten weiterhin am Muskelaufbau.
Auch Polo wird seinen eigenen Beitrag bekommen.
Und dann war da Pan.
Auch wenn ich jetzt noch darüber nachdenke, kommen mir die Tränen.
Der kleine Mann hat einen Teil meines Herzens mitgenommen.
Mehr möchte ich dazu hier eigentlich gar nicht schreiben.
Ein Jahr mit so vielen Hunden bedeutet eben nicht nur Training, Welpen und schöne Touren.
Es bedeutet auch Sorgen, Tierarztfahrten, Entscheidungen, viele schlaflose Nächte und manchmal auch Abschied.
Das gehört leider genauso dazu.
Haben wir uns das alles so vorgestellt?
Nein.
Ich glaube aber auch nicht, dass man sich auf so ein erstes Jahr wirklich vorbereiten kann.
Wir haben unglaublich viel gelernt.
Über Tourismus. Über Mitarbeiter. Über Buchhaltung und finnische Bürokratie. Über kaputte Dinge und darüber, wie man sie irgendwie wieder zum Laufen bekommt.
Über die ganzen Maschinen, Geräte und Fahrzeuge, die uns seit der Übernahme beschäftigt haben, könnten wir inzwischen vermutlich ein eigenes Buch schreiben.
Mittlerweile gibt es hier sogar einen Running Gag:
Es gab eigentlich kein einziges übernommenes Gerät, das einfach nur gemacht hat, was es sollte.
Und vor allem haben wir gelernt, wie viele verschiedene Jobs man gleichzeitig haben kann, obwohl im eigenen Arbeitsvertrag eigentlich nur „Unternehmer“ stehen müsste.
Man ist Musher, Hundepfleger, Koch, Kellner, Reinigungskraft, Rezeptionist, Mechaniker, Hausmeister, Guide, Fahrer, Einkäufer, Marketingabteilung, Büroangestellter und manchmal Seelsorger.
Manchmal alles am selben Tag.
Wir haben Fehler gemacht.
Wir haben Sachen ausprobiert und wieder geändert.
Wir haben improvisiert.
Wir hatten Tage, an denen wir keine Ahnung hatten, wie wir alles schaffen sollen.
Und dann haben wir es irgendwie doch geschafft und gleichzeitig immer noch sehr viel Spaß gehabt.
Wir haben hier einen Spruch:
Wir machen das, was wir am besten können – und zwar das Beste aus dem, was wir haben.
Und irgendwie wurde genau das zu unserem Motto.
Ein Jahr später
Unsere To-do-Liste wird nicht wirklich kürzer. Wir schreiben schneller neue Sachen drauf, als wir alte abhaken können.
Wir haben gefühlt 100 Projekte und wissen momentan noch gar nicht, wo wir die alle reinpacken sollen.
Aber Eräkeskus fühlt sich heute anders an als vor einem Jahr.
Am Anfang war es doch noch etwas fremd.
Wir waren hier, wir haben hier gearbeitet, wir waren für alles verantwortlich – aber trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis es sich wirklich nach unserem Zuhause und unserem Betrieb angefühlt hat.
Und jetzt …
Jetzt fühlt es sich nach uns an.
Nach unseren Hunden, unseren Gästen und den Menschen, die hier mit uns leben und arbeiten. Nach gemeinsamen Abenden am Tisch, langen Tagen im Kennel, viel zu vielen Ideen und all den Dingen, die sich im letzten Jahr verändert haben.
Es ist noch lange nicht alles so, wie wir es einmal haben möchten. Aber es fühlt sich inzwischen nach unserem Zuhause an.
Wenn ich heute der Bianca vom 1. Oktober 2025 etwas sagen könnte, wäre es wahrscheinlich:
Mach dir nicht immer so einen riesigen Kopf. Du schaffst das schon.
Und vielleicht noch etwas:
Es gibt wesentlich mehr tolle und hilfsbereite Menschen, als du glaubst.
Das ist wahrscheinlich eine der schönsten Erkenntnisse aus unserem ersten Jahr.
Und jetzt?
Jetzt beginnt Jahr Nummer zwei.
Und weil hier sowieso ständig irgendetwas passiert, beginnen wir gleichzeitig mit diesem Blog.
Hier möchte ich in Zukunft ein bisschen mehr davon erzählen, wie das Leben im Eräkeskus wirklich aussieht.
Von unseren Hunden. Vom Training. Von Welpen und Rentnern. Von unseren Gästen und unserem Team. Vom Leben in Nordkarelien. Von den schönen Seiten – und auch von den Dingen, die nicht ganz so laufen wie geplant.
Und manchmal wird es vielleicht einfach nur die Geschichte eines Hundes oder eines besonderen Erlebnisses sein.
Einen Zeitplan, wann ein neuer Artikel veröffentlicht wird, gibt es nicht. Dafür ist hier einfach zu viel los.
Aber eines ist sicher: Der nächste kommt bestimmt.
Material dafür haben wir nach diesem ersten Jahr jedenfalls mehr als genug.
Aber ich freue mich wirklich darauf zu sehen, wo wir in einem weiteren Jahr stehen. Was sich verändert hat. Welche unserer gefühlt 100 Projekte wir tatsächlich geschafft haben. Wie sich unsere jungen Hunde entwickeln. Was aus unseren 16 kleinen Monstern wird. Welche Menschen wir kennenlernen dürfen und welche Geschichten am Ende wieder völlig anders ausgehen als gedacht.
Auf ins zweite Jahr. Wir freuen uns drauf.
